Berlinaleblog

69. Berlinale, 7.-17. Februar 2019

16. Februar 2019
von micha
Keine Kommentare

Midnight Traveler

Familie Fazili auf der Bühne im International

Familie Fazili auf der Bühne im International

Midnight Traveler sind Hassan, Zahra, Fatima und Nargis Fazili (auf dem Bild v.l.n.r.). Die Familie stammt aus Afghanistan, die Eltern sind Filmemacher*innen, die dort mit dem Tod bedroht wurden und sich deshalb mit ihren Töchtern auf den Weg nach Europa machen. Die Reise, die mehrere Jahre dauert, wird mit drei Mobiltelefonen dokumentiert. Die Freundin der Familie, Emelie Mahdavian, die in den USA lebt und den Film editiert und produziert hat, bekommt von unterwegs das Material.

Es sind visuell sehr starke Bilder, sehr persönlich, sehr berührend. Die Fazilis sind Profis, das fällt sofort auf und macht die Spannung zwischen Technik („nur“ Handy) und Bildinhalt so faszinierend. Was mich am meisten beeindruckt, ist, dass die Kreativität dieser Familie nicht in der schwierigen Situation, in der die sie sich befindet, abhanden kommt. Ganz im Gegenteil, es ist ein wesentlicher Teil ihrer Identität, kreativ zu sein, und das Ergebnis mit der Welt zu teilen – womit jetzt gewissermaßen Agnès Varda zitiert ist.

Für solche Erlebnisse ist Berlinale.

16. Februar 2019
von micha
Keine Kommentare

Berlinfilm: Cleo

Kino 1 im Zoopalast ist trotz BVG-Streik brechend voll – hauptsächlich Kids, denn Cleo von Erik Schmitt läuft in Generation K+. Berlin spielt darin die Hauptrolle. Das behauptet zumindest ganz bescheiden Marleen Lohse, die dann wohl die wunderbare zweite Hauptrolle hat. Cleo hat bei der Geburt die Mutter verloren, da wäre eine Zauberuhr, mit der man die Zeit zurückdrehen kann, total praktisch. Eine solche Uhr soll im bis heute niemals gefundenen Schatz der Sass-Brüder versteckt sein, die in den 20er Jahren bekannte Geldschrankknacker waren. Der erste Versuch, den Schatz zu suchen, endet in einer Katastrophe

Viel später, als sie schon erwachsen – und wegen der Traumata ihrer Kindheit sehr verschlossen – ist, begegnet Cleo Paul. Der hat eine Karte von einer alten Dame im Internet gekauft, die zu dem Schatz führen soll. Zuerst wird die Echtheit der Karte von der Nachbarin zertifiziert, dann machen die beiden sich dran, sie zu entschlüsseln. Cleo sieht Personen aus der Geschichte Berlins, die manchmal sehr hilfsbereit sind. Sie tun sich außerdem mit der modernen Variante der Sass-Brüder zusammen, Günni (Holzbein wegen Explosion, kann mit Schneidbrenner umgehen) und Zille (ziemlich stulle wegen Explosion, immer noch von Sprengungen aller Art begeistert)…

Prima Figuren, die visuellen Ideen sind ganz wunderbar, alle historischen Begebenheiten anständig recherchiert. Von der Nazi-Universität unter dem Teufelsberg hatte ich vorher noch nie gehört, aber auch das stimmt natürlich (nachzulesen z.B. hier). Nach dem Film hätten wir dann gerne ein Daffke getrunken. Ach ja: und dass der Historiker am Ende wieder auftaucht, ist auch sehr schön.

Filmteam

Kleines Filmteam vor großem goldenem Zoopalastvorhang

15. Februar 2019
von micha
1 Kommentar

We Are Little Zombies

Makoto Nagahisa und Dolmetscherin

Makoto Nagahisa und die Dolmetscherin nach dem Film (ja, das ist ein Olympiade München 1972 Oberteil)

Vier 13 1/2-jährige (im Schnitt) begegnen sich im Krematorium, ihre Eltern sind gerade ums Leben gekommen. Sie tauschen Todesursachen aus, dass es wie Autoquartett klingt: Busunglück, Suizid (wegen überwältigenden Schulden bei Unterweltgangstern), Gasexplosion, Mord. Sie weinen nicht, aber das geht bei so langweiligen Beerdigungen auch nicht. Die gemeinsame Reise der vier beginnt im luxuriösen Heim von Hikari, dem Erzähler mit der Brille. Er hat Unmengen von Spielekonsolen und Spielen, und die vier stellen sich vor, in einem Spiel zu sein „We Are Little Zombies“. Der Fortgang des Films sind die Levels im Spiel, die vier müssen Gegenstände aus ihren früheren Leben erbeuten und Kämpfe bestehen. Wir erfahren die Vorgeschichte von allen vieren (alles super gefilmt, selber angucken!!!).

Irgendwann gründen sie nach Inspiration durch eine Obdachlosenband eine eigene Band, die „Little Zombies“ und werden von einem Influencer-Aushilfsnachtwächter entdeckt, der sie groß rausbringt. Die vier singen, dass sie nichts empfinden, dass sie kleine Zombies sind – ihr Publikum aber findet, das sei alles ja „so EMO“. Klar, dass das Spiel noch ein paar weitere Level braucht.

Der Film ist nicht nur ein Computerspiel (BUNT! LAUT!), sondern auch ein Musical. Es gibt tolle Songs, nicht nur von den Zombies, sondern auch ein großartiges Lied, das im Lokal kurz vor der Gasexplosion gesungen wird „Ein Oktopus ist so intelligent wie ein dreijähriges Kind“, und „Milch ist Liebe“, ein Punksong vom älteren Bruder des Jungen mit den Selbstmörder-Eltern. Und natürlich das Lied der Obdachlosenband.

Der Regisseur sagt vor dem Film, nach dem Abspann gäbe es noch eine Überraschung, die Leute sollten noch etwas sitzen bleiben – er hatte wohl Sorge, dass die, die zu früh gehen, einen ziemlich anderen Eindruck vom Ende des Films bekommen, als die, die länger bleiben. Er hat nämlich sozusagen zwei Enden. Wer bis zum Ende des Endes bleibt, kann danach mit einem Ohrwurm Richtung U-Bahn gehen, „We Are Zombies But Alive“.

We Are Little Zombies ist der erste Spielfilm von Makoto Nagahisa. Vorher hat er einen Kurzfilm gemacht – And So We Put Goldfish In The Pool (Youtube). Der wurde 2017 beim Sundance Filmfestival gezeigt und gewann den Short Film Grand Jury Prize.

14. Februar 2019
von micha
Keine Kommentare

Varda par Agnès

Agnès Varda kann alles: Fotografie, Film, Kunst und auch ihr eigenes Werk erklären. Das tut sie in Varda par Agnès vor Publikum in einem schönen Opernhaus. Sie sitzt in einem Regiestuhl, holt sich Gäste dazu, zeigt Filmschnipsel und plaudert. Es klingt wie ein Filmseminar, als würde sie uns erklären, worauf wir achten sollen, falls wir zufällig auch Filme machen möchten, nämlich drei Dinge: Inspiration, Kreation und Teilen.

Ein gemütlicher Einstieg, aber sie ist eben auch eine Virtuosin der Struktur, und im folgenden ist sie in ganz unterschiedlichen Settings zu sehen, an früheren Drehorten, am Strand, auf der Straße, plaudert nahtlos weiter und erklärt ihre Filme, Fotografie und ganz unglaubliche Installationen. Egal, was sie jemals gemacht hat, es ist klug, intensiv und sehr oft auch richtig lustig.

Am Liebsten hätte ich den Film als Nachschlagewerk: ich möchte im Nachhinein nochmal die verschiedenen Stationen aufrufen können: wie sie „Vogelfrei“ mit Sandrine Bonnaire erklärt, oder die Installation mit dem Katzengrab, oder die Begegnung mit ihrem entfernten Verwandten Varda in Kalifornien vor zig Jahren, die kleinen Geschäfte in ihrer Straße, Filme mit Freunden und Bekannten und die mit den Stars, die Herzkartoffelinstallation oder die Demonstration, bei der sie mit einem kleinen Plakat „Mir tut alles weh“ am Rand mitläuft. So lustig, so inspirierend, so klug und so wunderschön!

13. Februar 2019
von micha
Keine Kommentare

Glamour im Friedrichstadtpalast – The Boy Who Harnessed the Wind

Filmteam auf der Bühne

The Boy Who Harnessed the Wind läuft in der Reihe Berlinale Special Gala. Gala heißt, dass das Filmteam in Festgarderobe von Dieter Kosslick in den Saal und zu den Plätzen geleitet wird, dass ein Moderator in Fliege anmoderiert, und dass nach dem Film alle auf die Bühne kommen. Der Regisseur Chiwetel Ejiofor (Titus hat ihn sofort beim reinkommen erkannt, ich nicht) bedankt sich bei ca. 200 Leuten, die weibliche Protagonistin Aïssa Maïga in gelbem (!) Kleid sieht umwerfend aus und bedankt sich beim Publikum, der jugendliche Protagonist Maxwell Simba bedankt sich bei seiner Mutter, und dann kommt da noch William Kamkwamba in Person und spricht auch noch ein paar freundliche Worte. Blumen werden überreicht, der Friedrichstadtpalast jubelt minutenlang stehende Ovationen. Hach!  Weiterlesen →

13. Februar 2019
von micha
Keine Kommentare

The Heat: A Kitchen (R)evolution – Perspektiven von Küchenchefinnen

The Heat: A Kitchen (R)evolution von Maya Gallus zeigt die Perspektiven von sieben Küchenchefinnen auf ihr Chef-sein (Chef in der englischen Bedeutung des Worts). Alle sind interessant, alle haben etwas zu sagen, einige haben ihren Weg in eigenen Restaurantküchen gemacht, zwei sind andere Wege gegangen, schreiben und veranstalten Kochevents oder arbeiten als Freelance-Chef. Die Kamera ist großartig, wie in den Q&A erwähnt, hat sie sich in die kleinsten Nischen gezwängt, so dass wir immer ganz nah an allem dran sind (das heißt nicht, dass eine davon schon die Abläufe in chaotischen Küchen kapiert). Alles, was gekocht wird, sieht sehr köstlich aus, manches wie Kunst auf Tellern.

Ein schöner und interessanter Blick in eine ziemlich unbekannte Welt – vielleicht ein bisschen zu wenig überraschend – aber das ist es doch, was Dokumentarfilme bieten sollen.

13. Februar 2019
von micha
Keine Kommentare

Unisatire – Weitermachen Sanssouci

Weitermachen Sanssouci von Max Linz – alles, was in der Programmbeschreibung steht, stimmt, und es wirkt absurd und satirisch: befristete Verträge für Nachwuchswissenschaftler*innen, Drittmittelabhängigkeit inklusive fragwürdiger Evaluierungsverfahren, zynische Professor*innen, sinnfreie Powerpointpräsentationen, holperig vorgetragene Referate mit „genau“ als völlig überflüssigem Füllword, externes Consulting dem es nur um Vermarktbarkeit der Forschung geht, eine von Studierenden besetzte Bibliothek, auch ein bisschen Slapstick – Klimawandel im Unigebäude mit Schnee und Wind. Das Lied „Warum kann es hier nicht schön sein…“ ist so schön, dass eine am liebsten mitsingen möchte. Und Sophie Rois spielt mit.

Nur: da stand was von Satire und Musical. Ist es schon ein Musical, wenn zwei Lieder vorkommen, auch wenn eines davon sehr schön ist? Und ist es Satire, wenn es gar kein Lachen gibt, das vor lauter grusligem Wiedererkennen im Hals stecken bleibt, sondern gerade mal so ein Schmunzeln? Und wenn das Gefühl beim Rausgehen so ein „Hmm, ja. Und nun?“ ist?

Als Nichtakademikerin muss ich vielleicht mal die Akademiker*innen in meiner Umgebung fragen. Vielleicht finden die das alles lustiger als ich.